Literaturthread

Hilfreiche Bücher und andere Literatur, Zitate...

Moderator: Fraule

Literaturthread

Beitragvon Jeniffer » 2. Apr 2011, 12:27

Hallo, liebes Forum,
ich werde hier regelmäßig gelesene Bücher rein stellen aber ihr seid alle herzlich dazu eingeladen, eure Bücher auch vorzustellen. Ihr müsst es auch nicht so ausführlich machen wie ich. Laßt euch also davon nicht verunsichern. Bei mir können Literaturbesprechungen recht lange sein. Das gehört für mich zu einer Nachbereitung eines gelesenen Buches dazu, aber das muss nicht bei allen gleich sein.

Es können hier auch Buchdiskussionen stattfinden. Wenn ihr Fragen zu einem vorgestellten Buch habt oder auch Einwände, es gibt Leute, die mögen gewisse AutorInnen nicht, oder sie haben mit einem bestimmten Buch keine so gute Erfahrungen gemacht, dann kann das hier alles rein. Positive Erfahrungen zu einem Werk natürlich auch. Ist immer interessant zu wissen, welche Erfahrungen andere LeserInnen mit den versch. Werken gemacht haben. Das gehört zu einem Lit.-Austausch einfach dazu.

Leider mache ich sehr viele Tippfehler, oder Gedankensprünge, Zahlen- und Buchstabendreher, die ich während des Schreibens nicht mitbekomme, so dass es vorkommen kann, dass manche Sätze von mir unvollständig und quer escheinen :biggrinn: . Oft auch aus Zeitgründen, oder Konzentrationsmangel weil spät und zu müde bin.
Daher vermisse ich speziell diesen Button, mit Hilfe dessen man Texte im Nachhinein -lesen3: noch korrigieren kann. Meine Frage: Gibt es noch diese Möglichkeit? Kann das noch eingebaut werden? Meine Fehler sehe ich meistens erst, wenn ich zu meinem Text wieder genug Abstand habe. Das ist wie mit dem Wald und den Bäumen. Die Bäume vor lauter Wald nicht sehen können?

Das finde ich super, Ginchen, für diesen Änderungs Button. Jetzt konnte ich noch Ergänzungen vornehmen, dass der Thread auch zu Buchdiskussionen einladen soll, und nicht nur ein stures nacheinanderreihen von Büchern. UND ich habe schon wieder Fehler entdeckt, die ich aber jetzt problemlos ändern konnte. DANKE! :0337rainbow:
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Re: Literaturthread

Beitragvon Jeniffer » 2. Apr 2011, 12:37

So. habe mir für heute abend eine feste Uhrzeit gesetzt und beginne um 20:30 Uhr mit einem neuen Wek:

Bild

Taschenbuch: 110 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 40th (Dezember 1997)
ISBN-13: 978-3596215225
5,95 €

Klappentext
Auf einem Passagierdampfer, der von New York nach Buenos Aires unterwegs ist, fordert ein Millionär gegen Honorar den mit einer Art mechanischer Präzision spielenden Schachweltmeister Mirko Czentovic zu einer Partie heraus. Der mitreisende Dr. B., ein österreichischer Emigrant, greift beratend ein und erreicht so ein Remis für den Herausforderer. Er hat sich, von der Gestapo, die ihn verhaftete, in ein Hotelzimmer gesperrt und von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen, monatelang mit dem blinden Spiel von 150 Partien beschäftigt, um sich so seine intellektuelle Widerstandskraft zu erhalten. Durch diese einseitige geistige Anstrengung ergriff ihn ein Nervenfieber, dessentwegen man ihn entließ. Jetzt spielt Dr. B. zum ersten Mal wieder gegen einen tatsächlichen, freilich roboterhaft reagierenden Gegner. Es geht ihm bei dieser Partie lediglich darum, festzustellen, ob sein Tun damals während seiner Haft noch Spiel oder bereits Wahnsinn gewesen ist. Er schlägt den Weltmeister in der ersten Partie souverän, läßt sich aber, eigentlich gegen seinen Willen, auf eine Revanche ein. Während dieser zweiten Partie ergreift ihn wieder das Nervenfieber: er bricht die Partie ab und wird nie wieder ein Schachbrett berühren.

Autorenporttrait im Klappentext
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg, emigrierte von dort nach England und 1941 nach Brasilien. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. Am 23. Februar 1942 schied er in Petrópolis, Brasilien, freiwillig aus dem Leben. Seine von einer vergangenen Zeit erzählenden Erinnerungen »Die Welt von Gestern« erschienen posthum.

Ich selbst bin auf die Novelle gestoßen über die Bibliothek. Ich habe mir jede Menge Hörbücher ausgeliehen, zudem auch die Schachnovelle. Mir hat das Hörbuch schon nach ein paar Zeilen gefallen, dass ich das Buch unbedingt lesen muss. Bücher hinterlassen auf mich nochmals eine andere Wirkung als Hörbücher.
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Re: Literaturthread

Beitragvon Achtsamkeit » 2. Apr 2011, 14:10

Hallo Jennifer, das finde ich prima von dir.

Habe gerade MANTRAS Die heilende Kraft der Stimme von Bruce Werber gelesen.
Benutzeravatar
Achtsamkeit
Foren-Team
Foren-Team
 
Beiträge: 2401
Registriert: 03.2011
Highscores: 11
Geschlecht:

Zweig Stefan / Die Schachnovelle

Beitragvon Jeniffer » 2. Apr 2011, 16:13

Mir hat das Buch seeeeeeeeeehr gut gefallen. Ich verweise nochmals auf den Klappentext, s. o., wer sich inhaltlich informieren möchte, dort ist alles Wesentliche zu entnehmen.

Mich haben zwei Persönlichkeiten sehr stark beeindruckt:
Mirko Czentovic und die von Dr. B.

Mirko, ein Bauernjunge, wurde im Alter von zwölf Jahren verwaist, als sein Vater durch einen Berufsunfall tödlich verunglückte. Von der Mutter ist in dem Buch nicht die Rede. Mirko wurde von dem Dorfpfarrer aufgenommen und versuchte den Jungen zu bilden, da er über große Bildungslücken verfügte und der Pfarrer wollte ihm helfen, diese auszugleichen, was er in der Dorfschule nicht lernen konnte. Aber Mirko blieb quasi "ungebildet". lernte recht langsam, konnte sich kaum Lerninhalte merken, war nicht in der Lage, orthografisch einen richtigen Satz in irgendeiner Sprache zu Stande zu bringen, auch nicht in seiner Muttersprache, und beim Rechnen benutzte er mit 14 noch immer seine Finger. Aber er war gefügsam, folgte den Anordnungen des Pfarrers, half, zwar seeeeeeeeer verlangsamt, aber er half im Haushalt und auf dem Feld (Holzfällen) mit. Aber man musste ihm alles ordentlich zutragen, von alleine kam der Junge selten auf Idee, sich einzubringen... .

Nun kommt das Wunder: Der Pfarrer spielte jeden Abend Schach mit einem Polizeioffizier. Mirko sah ihnen bei jedem Spial zu, bei jedem Spiel. Plötzlich musste der Pfarrer das Schschspiel wegen eines unvorhergesehen Außendienst unterbrechen. Der Polizist erlaubte sich einen Joke, und frage Mirko so ganz im Spaß, ob er denn das Spiel weiter fortsetzen wolle, und bekam eine völlig unerwartete zustimmende Antwort. Mirko setzte sich tatsächlich an den Tisch, und spielte Schach, und schlug seinen Gegner, den er völlig verblüffte. Niemand wusste, dass Mirko das Schachspiel nur vom bloßen Zuschauen erlernt hatte. Der Erzähler der Novelle fragte sich natürlich, wie dies möglich sei, ein Mensch, der auf allen Gebieten völlig unbegabt war, das Schachspielen erlernen konnte??? Damit müssen ja auch Fähigkeiten verbunden sein, wie z.B. strategisches Denken, Analysieren der Spielzüge seines Gegners, und nicht zuletzt auch mathematische Fähigkeiten waren dort gefordert. Er konnte nur mit den Fingern rechnen, war aber zu solchen mathematischen Überlegungen fähig. Hm. wie ist das möglich? Mirko war auch eine verschlossene Persönlichkeit, lebte stark zurückgezogen, mied Kontakte gebildeter Menschen aus Angst, man könne ihm seine Unbildung anmerken. Und das Schspeil war ja ein Spiel der hohen Leute und bekam gezwungermaßen mit gebildeten Menschen in Kontakt.

"Hinter all seiner bgründigen Bexchränktheit verbirgt dieser gerissene Bauer die große Klugheit, sich keine Blößen zu geben, und zwar dank der simplen Technik, dass er außer mit Landsleuten seiner eigenen Sphäre, die er sich in kleinen Gasthäusern zusammensucht, jedes Gespräch vermeidet. Wo er einen geboldeten Menschen spürt, kriecht er in sein Schneckenhaus; So kann niemand sich rühmen, je ein dummes Wort von ihm gehört oder die abgeblich unbegrenzte Tiefe seiner Unbildung ausgemessen zu haben."

Wenn Mirko mit hohen Leuten durch das Schachspiel zusammenkommt, dann redet er kein einziges Wort mit ihnen, reichte ihnen nicht mal die Hand zur Begrüßung, und wechselte mit ihnen auch keine Blickkontakte. Er konzentriert sich ausschließlich auf das Schachspeiel. Damit möchte er den anderen singalisieren, dass er ein ernster dnekender Mensch sei und ganz auf das Spiel konzentriert. Und so ahnt niemand seine Unbildung.

Der Erzähler der Novelle, selbst ein Schachspieler und Passagier auf dem Schiff, spielt aus Spaß und aus dem Vergnügen heraus Schach, während die anderen das Spiel "ernsteten". (Ein Begriff, den der Autor bzw. der Erzähler erfunden hat.)
Mirko schlug nicht nur den Polizisten, dann den Pfarrer, dann die Schachspieler aus dem Dorf. Die Kreise weiteten sich immer mehr, so dass er schon im Alter von zwanzig Jahren Schachweltmeister wurde. Niemand konnte ihn schlagen. Mirko befindet sich jetzt auf dem Schiff von New York nach Buenos Aires und wird dort oft von anderen Schiffsreisenden zum Schachspielen herausgefordert. Aber, er macht es nicht unentgeltlich, sondern läßt sich für jedes Spiel odentlich was zahlen. Auf dem Schiff bekam er für ein Spiel 250 Dollar ausbezahlt von einem Mitreisenden Mr. Mc Conner, dessen Selbstwert angekrazt ist, wenn er ein Spiel verliert. Und er verliert fast alle Spiele. Setzt immer wieder auf´s Neue. zahlt immer wieder den Spielbetrag. Mirko Ist durch das Schachspiel ein reicher junger Mann geworden. Er lässt sich, nicht nur auf dem Schiff, überall auf der Welt für jede Spielpartie gut entlohnen.

„Dieser Bursche weiß in seinem vermauerten Gehirn nur das eine, dass er seit Monaten nicht eine einzige Schachpartie verloren hat, und da er eben nicht ahnt, dass es außer Schach und Geld noch andere Werte auf unserer Erde gibt, hat er allen Grund, von sich begeistert zu sein.“

Und nun zu Dr. B.
Dr. B., ein Österreicher jüdischer Emigrant, von Beruf Rechtsanwalt, flieht quasi aus seinem Land, befindet sich dadurch auch auf dem Schiff. Mischt sich in der Schachpartie ein, gibt gute Tipps, so gute Tipps, dass Mirko nun durch Dr. B. völlig überrascht das Spiel verliert. Mirkos Gegner werden auf Dr. B aufmerksam, laden ihn zu weiteren Spielen ein. Er lehnt ab, mit der Begründung, dass er nicht wirklich Schach spielen können… und hier erfährt man etwas aus Dr. Bs Leben, indem er dem Erzähler davon berichtet, wie er zum Schachspielen gekommen sei. Dr. B hatte mit Ausnahme des einen Spiels auf dem Schiff zuvor noch nie Schach gespielt. Wie kommt es, dass er doch Schach spielen konnte? Ein ähnliches Wunder wie bei Mirko?

Dr. B. wurde von der Gestapo in ein einfaches Hotelzimmer eingesperrt. In dem Zimmer befand sich alles Lebensnotwendige wie Bett, Tisch, Schrank, etc. Das Fenster war vergittert und Essen bekam er von einem Wärter. Er durfte dort keine persönlichen Dinge halten, durfte mit Ausnahme des Wärters und der Gestapo keine Menschen sehen, durfte keine Bücher lesen, hatte nichts zu schreiben, sprich, er sollte geistig malträtiert werden mit dem Ziel, über ihn an wichtige Information zu sich und anderen wichtige Menschen zu gelangen. Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er nichts als eine riesige Mauer. Er wurde regelmäßig zu Verhören abgeholt.

Dr. B. langweilte sich, fühlte sich geistig total unterfordert, so unterfordert dass er sich wünschte, lieber in einem Konzentrationslage mit anderen eingesperrt zu sein (Ein für mich befremdlicher Gedanke, den wohl nur Betroffene entwickeln können… .)

„Im Konzentrationslager hätte man vielleicht Steine karren müssen, bis einem die Hände bluteten und die Füße in den Schuhen abfroren, man wäre zusammengepackt gelegen mit zwei Dutzend Menschen in Stank und Kälte. Aber man hätte Gesichter gesehen, man hätte ein Feld, einen Karren, einen Baum, einen Stern, irgend, irgend etwas anstarren können, indes hier immer dasselbe um einen stand, immer dasselbe, das entsetzliche Dasselbe. Hier war nichts was mich ablenken konnte von meinen Gedanken, von meinen Wahnvorstellungen, von meinem krankhaften Rekapitulieren. Und gerade das beabsichtigten sie – ich sollte doch würgen und würgen an meinen Gedanken, bis sie mich erstickten, und ich nicht anders konnte, als sie schließlich ausspeien, als auszusagen, alles auszusagen, was sie wollten, endlich das Material und die Menschen auszuliefern.“

Nun, bei seinem nä. Besuch bei der Gestapo wurde er nochmals zum Warten auf das Verhör zwei Stunden in einem Raum gehalten, indem es keine Stühle gab. Er musste die ganze Zeit über stehen. Auch das zählte zur geistigen Folter. In der Langeweile schaute sich Dr. B. alles genau im Raume an und entdeckt dort ein Büchlein, das er geschickt und unauffällig wie suchtartig entwendet und es geschickt unter seinem Pullover zwischen seinem Gürtel versteckte. Das Buch wurde von seinem Gürtel gehalten… .

Wieder zurück im Hotelzimmer packte er das Buch heraus und war sichtlich enttäuscht über die Art des Themas. Es war ein Schachbuch. Er hatte keine andere Wahl, als sich mit dem Buch anzufreunden, und lernte aus dem Buch das Schachspiel in den verschiedensten Facetten.
Dr. B. gestaltete aus seiner Schlafdecke, die kariert war, ein Schachbrett, mit Brotkrümel modellierte er die verschiedenen Schachfiguren, und versuchte so die Züge aus seinem Buch nachzuspielen. Drei Monate lang, dann brauchte er die Dinge nicht mehr, und die Brotkrümel nicht, er konnte dann plötzlich in seinem Kopf Schach spielen. Er war Schwarz- und gleichzeitig ein Weißspieler… . Seine Persönlichkeit entwickelte sich dadurch nahe an einer Schizophrenie, da es schon eine geistige Herausforderung ist, eine Denkperspektive aus zwei unterschiedlichen Köpfen zu kreieren.

Das Schachspielen entwickelte sich für Dr. B. zu der einzigen geistigen Beschäftigung. Er wurde süchtig, entwickelte eine Manie (Kurz: eine affektives Störung, krankhaftes, übertriebenes Engagement in eine Sache, Größenwahn…), wurde regelrecht Schachsüchtig, die zu einer Schachvergiftung führte, so dass Dr. B. dann durchdrehen musste und die Gestapo ihn in eine Klinik verlegte und mithilfe eines Arztes konnte Dr. B. nach der relativen Genesung wieder auf freiem Fuß gesetzt werden. Für die Gestapo galt Dr. B. als geisteskrank und sie verloren das Interesse nach ihm. Innerhalb von zwei Wochen verließ er die Heimat. Und, wie schon gesagt, spielt Dr. B. auf dem Schiff zum ersten Mal mit einem richtigen Schachbrett, mit echten Figuren und mit echten Gegnern Schach. Von der Manie sei er nie wirklich geheilt und die Ärzte erteilten ihm striktes Schachverbot, da die Gefahr bestünde, erneut eine Manie auszubrechen. Ob er sich an das Verbot hielt? Lest selbst.

Mich hatten diese beiden Persönlichkeiten sehr imponiert und sie mich recht zum Nachdenken angeregt haben. Das Nachdenken wirkt sicher noch eine Zeitlang an, weil mich das Thema doch sehr beschäftigt hat. Es kann sein, dass ich es als Hörbuch wieder hören werde, weil ich die Idee, wie die Thematik von dem Autor bearbeitet wurde, grandios fand.

Es gibt noch mehrere interssante Textstellen, auf die nicht alle eingehen kann.

@Letitbe (richtig?)
Interessantes Buch, das Du gelesen hast. Wenn Du magst, kannst Du ja zwei Sätze (nur zwei, mehr nicht) dazu schreiben?
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Wolf, Christa / Nachdenken über Christa T.

Beitragvon Jeniffer » 3. Apr 2011, 14:12

Ich lese seit Samstag, dem 26.03.2011, das o. g. Buch

Erstmal zur Vorstellung des Werkes:

Bild
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Welt Edition; Auflage: 1., Aufl. (23. Juni 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3941711075
9,95 €

Wurde bei Jokers für 4,95 € als Mängelexemplar angepriesen und dem Umschlagetext nach zu beurteilen, hörte es sich interessant an. Es wirkt sehr tiefgründig, was ich ja ganz gerne mag, da ich selbst, auch berufsbedingt, viel reflektiere und tiefgründig bin.

Klappentext
Christa T. stirbt an Leukämie mit gerade mal 35 Jahren und wird auf einem kleinen Waldfriedhof in Mecklenburg begraben. Nach der Beerdigung beginnt eine Freundin, die sie schon seit der Schulzeit kannte, dann aus den Augen verlor, sie aber beim Studium in Leipzig wieder traf, sich dieses kurze, früh abgebrochene Leben vor Augen zu stellen. Doch je länger sie über Christa T. nachdenkt, desto rätselhafter wird ihr die Freundin. Nach dem Krieg ging sie erst in den Westen, kehrte aber dann wieder in die DDR zurück, versuchte ihr Bestes, beim Wiederaufbau des zerstörten Landes zu helfen, und war doch voller Sehnsucht nach einem farbigeren, intensiveren Leben, in dem es nicht alleine um Trümmerbeseitigung oder Produktionsziffern geht.

Hinterer Klappentext
Christa Wolf, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, studierte Germanistik in Jena und Leipzig. 1949 Eintritt in die SED; Lektorin und Redakteurin in verschiedenen Verlagen. (...) 1989 trat sie aus der SED aus.
Sie erhielt mehrere Literaturauszeichnungen.

Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen. Sehr kopflastig, intellektuell und seeeeeeeeeehr reflexiv. Ich tue mir schwer damit, da ich seit der Umstellung auf die Sommerzeit abends nach der Arbeit einfach zu müde bin für so eine schwere Kost, für die man Zeit braucht, diese zu verarbeiten, die ich aber nicht hatte, weil mir der Schlaf derzeit meine Zeit stiehlt. Hoffe, ich bekomme das wieder in den Griff. Kommt bei mir selten vor, dass ich über eine Woche für ein dünnes Büchelche von gerade mal 190 Seiten benötige. Ich habe das Ziel, es spätestens morgen zu Ende zu bekommen. Es sind jetzt noch 90 Seiten.
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Re: Literaturthread

Beitragvon Jeniffer » 3. Apr 2011, 17:27

Ginchen hat geschrieben:Das ist hochinterssant.
Scheint doch she in die Tiefe zu gehen.
Sollte ich mir besorgen.


Ja Ginchen, wenn Du es Dir besorgt hast und am Lesen bist, dann bin ich neugierig auf deine Erfahrung. Aber vorsicht, sie ist etwas schwermütig die Autorin in der Beschreibung, wobei sie den Schwermut eher über ihre Protgonistin Christa T, zum Ausdruck bringt. Eine literarische Figur, die in ihr lebendig ist. Innere Figuren sind auch nur Menschen :biggrinn:.

Das Leben ist eben auch manchmal schwermütig, die Gedanken, die sich aus einem schweren Leben entwickeln. Ihre Bücher haben auch immer einen gewissen politischen Hintergrund, spricht diese aber nicht gezielt an. Das muss man zwischen den Zeilen lesen, speziell in diesem Buch.
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Wolf, Christa / Nachdenken über Christa T.

Beitragvon Jeniffer » 4. Apr 2011, 12:09

Ich passe mich nun Christa Wolfs Stil an, und schreibe meine Gedanken auch in Fragmenten auf… .

Mit 35 Jahren stirbt Christa T., wie schon gesagt, an Leukämie. Hinterlässt Mann und drei Kinder, und jede Menge Tagebuchnotizen fragmentarischer Art, die zu einem Packen Papier an die Erzählerin des Buches weitervererbt werden. Jede Menge nicht zu Ende gedachte Gedanken, und ich denke, dass es das ist, was es so schwierig macht, dem Buch zu folgen.… .

Die Erzählerin, selbst junge Gymnasialschülerin gewesen, lernt Christa T. kennen, als sie in die Klasse als Neue dazustößt. Der Erzählerin fällt auf, dass die Neue anders ist als die anderen, weckt bei der Erzählerin eher Abneigung, und später Sympathie und Interesse, so dass sich langsam eine Freundschaft entwickelte und später erbt die Erzählerin quasi die Tagebuchnotizen… ,

Durch den Krieg trennten sie sich, und begegneten sich zufällig wieder in Leipzig an der Universität, schon DDR-Zeiten. Christa T. studiert auf Lehramt. Später heiratet sie einen Justus, auch auf der Universität kennengelernt, der Tiermediziner zu werden beabsichtigt... .

Und immer wieder die Frage nach der Anpassung an das System... . Vorher war es die Anpassung an den Nationalsozialismus, diesmal die Frage nach der Anpassung an das DDR-Regime.

Christa T., eine sehr korrekte Person, eine viel zu korrekte Person, eine sehr strukturierter Mensch mit Weitblick, ein stark beobachtender Mensch, der zu starken Reflexionen neigt, ein recht distanzierter und kühler Mensch. Gefühle lässt sie aus meiner Sicht nicht so zu, hält auch Nähe nicht so richtig aus, spricht viel mit ihren Tagebuchaufzeichnungen, und weniger mit anderen... .
Justus muss ein Berufspraktikum absolvieren, weit weg von seinem Wohnort und ihrem Wohnort. Auf die Frage hin, ihm zu schreiben, erhält man von der Erzählerin folgende Antwort:

"Aber sie kann ihm nicht schreiben, weil sie es nicht aushält, so stark an ihn zu denken, sie hat es in das braune Büchlein geschrieben, wahrscheinlich weiß er bis heute nicht, warum er nie Briefe von ihr bekam."

Als Lehrerin versucht sie ihre Schüler zu Freiheit und zu kritischem Denken zu erziehen. Die Schüler müssen in einem Aufsatz folgende Frage beantworten:

„Was halten Sie für unerläßlich für den Fortbestand der Menschheit?“

Eine interessante Frage, finde ich, die von einem Schüler mit Gewissen beantwortet wurde.

Christa T. wird von einem ehemaligne Schüler angesprochen, den sie Jahre später wieder trifft, der von seiner Lehrerin geprägt wurde, dann plötzlich Widerpart zeigt mit dem Vorwurf, ihn nicht stark genug auf das Leben vorbereitet zu haben und dass der Kern der Gesundheit die Anpassung sei, und die Welt bei mangelnder Anpassung untergehen würde... . Diese Gedanken entwickelte der junge Mensch im Laufe seines Medizinstudiums, vgl. 115.

"Die deutschen Erzieher haben schon immer an den Realitäten rütteln wollen, immer vergebens. Anstatt dass sie mal drangingen, die Realität zum Maßstab zu nehmen und ihren Erfolg daran zu messen, ob es ihnen gelungen ist, Ihren Schülern seelische Robustheit mit auf den" Weg zu bringen." (115f)

"Eben habe sie im Kraftwerk Feuer in den Himmel gejagt. Trotzdem gibt es in euren Garten eine Nachtigall". (103)

Auch hier Anpassung? Soll der Mensch zu allem Ja sagen?

Ist vielleicht damit angedeutet, dass der innere Widerstand Christa Ts. Schuld sei, dass sie so früh starb oder gar krank wurde? Eine zerbrechliche Frau, die nach außen hin nur stark und selbstbewusst wirkte?

"Die Konflikte ergreifen den ganzen Menschen, zwingen ihn in die Knie und vernichten sein Selbstgefühl. Aber sie vertragen ja auch alle miteinander nicht allzu viel, und ihre Mittel sind gering, sich zu wehren. Darin liegt doch ihre Lebensschwäche."

Meine Frage: Ist das so? haben wir wirklich wenig Möglichkeiten uns zu wehren? Was ist Christa Wolfs Appell an die nächsten Generationen? Anpassung? Ja zu KKWs zu sagen? Ja zu Kriegen zu sagen? Ja zu einer Diktatur zu sagen?
Oh je, Hoffnung macht das Buch keineswegs. Ich frage mich dabei, weshalb hat sie Christa T. die Krankheit Leukämie angehängt? Was soll diese Krankheit symbolisieren? Für was steht Leukämie? Sie hätte sich auch für eine andere Krankheit entscheiden können. Aber warum ausgerechnet Leukämie? In Büchern gibt es keine Zufälle. Meine Gedanken dazu: "Weißes Blut", rote Blutkörperchen fehlen. Weißes Blut? Weiß steht für Reinheit. Ist Christa T. zu rein für die Welt? Zu gut für die Welt? Zu freundlich? Das fehlende Rot steht für mich für mangelnde Opferbereitschaft. Wolfs Appell durch Anpassung ein Opfer bringen?

Mich beschäftigt noch die Frage nach dem fehlenden Ich Christas T. Eine Abspaltung von sich selbst? Keine persönlichen Ideale und Gedanken haben dürfen? Leugnung einer Subjektivität? Muss alles objektiv sein, um glaubwürdig zu sein?

So, hier mache ich mal Schluss, warte, was mir noch für Gedanken kommen, wenn ich jetzt von dem Buch abschalten werde.

Gerade musste ich noch etwas einfügen!
Korrekturlesen folgt trotzdem erst heute abend.
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Re: Literaturthread

Beitragvon Fraule » 4. Apr 2011, 12:16

Nun ja, damals war die Stellung der Frau keine leichte- Es wurde die Unterordnung gefordert.
Vielleicht musste man sich als Frau abspalten, um wenigstens emotional überleben zu können.
Das Feld der Philosophie lässt sich auf folgende Fragen bringen:
Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Immanuel Kant
Benutzeravatar
Fraule
Foren-Team
Foren-Team
 
Beiträge: 15180
Registriert: 03.2011
Highscores: 7
Geschlecht: weiblich

Re: Literaturthread

Beitragvon Jeniffer » 4. Apr 2011, 12:34

Fraule hat geschrieben:Nun ja, damals war die Stellung der Frau keine leichte- Es wurde die Unterordnung gefordert.
Vielleicht musste man sich als Frau abspalten, um wenigstens emotional überleben zu können.


Ja, das ist wohl wahr, ich sehe das auch so. Um den Schmerz nicht spüren zu müssen. Immerhin hat diese Generation vieles durchleiden müssen. Nationalsozialismus, Krieg dann ein Diktaturregime, etc. Aber um die Stellung der Frau schreibt die Autorin nichts. Sie selbst waren ja noch junge Mädchen. Es geht vielmehr um die politische Haltung... . Mehr um den inneren Widerstand Christa Ts. und die stille Forderung der Erzählerin an Christa T., sich doch anzupassen , um gesund zu bleiben. Denn schließlich haben sie mit ihrem Leben auch etwas in der Welt bewirkt.

Zitat: "Was durch uns in die Welt gebracht ist, kann nie mehr aus ihr hinausgedrängt werden."

Aber was sie in die Welt hineingebracht haben, darüber spricht die Autorin nicht. Sie haben durch den Krieg eine Heimat verloren, lebten in Trümmerhaufen, waren heimisch und gleichzeit Fremde, auch später, als -D- sich spaltete.

Und das mit der Nachtigall, als das KKW brennt, da hat Christa Wolf den Reaktorunglück von Tschernobyl und den Atomkrieg in Hiroshima vergessen zu berücksichtigen.
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Re: Literaturthread

Beitragvon Jeniffer » 4. Apr 2011, 13:56

Ginchen hat geschrieben:Also Jeniffer,
deine Beiträge sind einfach nur hundertprozentig WoW , super-spannend!
Mein ganz großes Kompliment!

Ginchen


danke Ginchen, für Dein Kompliment. Freut mich sehr. Obwohl ich mich schon wieder so ärgern könnte, da ich an einer Textstelle das Wörtchen NICHT vergessen habe. Ich bin so mit dem Buchinhalt konzentriert, dass ich auf meine Finger, was sie schreiben, nicht aufpassen kann, was sie tun. :biggrinn: .
Benutzeravatar
Jeniffer
 
Highscores: 51

Nächste